Gipfelstürmer Roger Schäli und der Eiger - Freiluftseele

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Gipfelstürmer Roger Schäli und der Eiger
Der Eiger zieht die Menschen in seinen Bann. Übergangslos steigt seine berühmte Nordwand als gewaltige Felsmauer aus den grünen Wiesen oberhalb von Grindelwald in den Himmel des Berner Oberlandes. Ein düsteres Konkav, das nach wie vor geheimnisvoll wirkt. Lange Zeit galt die Nordwand als eine der schwierigsten Wände in den Alpen. Kaum eine Fels-und-Eis-Flucht, die eine ähnlich dramatische Erstbesteigungsgeschichte hat. Und kaum ein Berg der Extreme, dem man sich auch als Nichtbergsteiger so bequem nähern kann. Mit der Wengernalpbahn gelangt man bis hinauf auf gut 2000 Meter zu den Hotels der Kleinen Scheidegg, und wer dort in die 1912 eröffnete Jungfraubahn umsteigt, fährt in einem sieben Kilometer langen Tunnel mitten durch die Felsen von Eiger und Mönch hinauf aufs Jungfraujoch. Unterwegs kann man dann an der Station Eigergletscher mit Kribbeln im Bauch einen ersten Blick ins Hochgebirge riskieren.

Vom Eiger fasziniert
Viele Alpinisten, die der Eiger-Nordwand mittlerweile aus bergsteigerischer Sicht haushoch überlegen scheinen, sind nach wie vor fasziniert. So wie einer der derzeit Weltbesten, der Schweizer Bergführer Roger Schäli. Der 1978 geborene Profialpinist bezeichnet sich selbst als großen Fan des 3967 Meter hohen Eigers. »Ein Grund dafür ist sicher, dass ich bereits seit meiner Kindheit von meinem Hausberg, dem Brienzer Rothorn, in die Eiger-Nordwand sehen kann«, meint Schäli. Auch für ihn als jungen Bergsteiger ein großer Traum, diese legendäre Wand zu durchsteigen! »Warum ich dann schlussendlich 57-mal durch die Eigerwand geklettert bin, von der klassischen Heckmair-Route über die Direttissima bis zu den Kanten, liegt sicher daran, dass der Eiger endlos viele Möglichkeiten bietet, das schwere Bergsteigen und das Bigwall-Freiklettern auszuüben«, begeistert er sich. »Es gibt in den Alpen keine andere Wand, welche 900 Meter kompakten, steilen Kalk zu bieten hat!« So wundert es nicht, dass die Nordwand auch in anderer Hinsicht einen bedeutenden Platz einnimmt. »Last, but not least faszinieren mich die Geschichten und die historischen Routen, welche der Eiger zur Genüge aufweist. Hat man am Eiger einen Großteil der Routen geklettert, versteht man auch einen Großteil der Kletteralpingeschichte ab 1936.«
Foto: Kaletsch Medien GmbH
Eine Spielwiese der Besten
Für den exzellenten Kletterer ist ganz klar: Der Eiger hat sehr viel zu bieten. Alle alpinen Spielarten lassen sich dort über das Jahr verteilt machen. »Es ist eine riesige ›Spielwiese‹, die mich immer noch beeindruckt.« Die Wand sei aber nach wie vor sehr ernsthaft, mahnt er. »Ich habe einige Leute, die ich gut kannte, dort verloren – es geht so total schnell!« Doch für Schäli ändert das nichts an der Anziehungskraft, die auch in der speziellen Herausforderung liegt. Unter seinen zahlreichen Erfolgen hebt er zwei seiner Unternehmungen in der Eiger-Nordwand besonders hervor: die John-Harlin-Direttissima und die Japaner-Direttissima. Beide wurden in der Vergangenheit unter enormem Einsatz von technischen Hilfsmitteln eröffnet, und beide konnte Roger Schäli zusammen mit dem zehn Jahre älteren Schwarzwälder Robert Jasper erstmals komplett frei durchklettern!

Die Route seines Lebens
Im Sommer 1969 hatte sich das Japan Expert Climbing Team wochenlang in der Wand aufgehalten, um nach Art einer Expedition die Japaner-Direttissima zu verwirklichen und in meist schwerer technischer Kletterei, unter anderem mit rund 250 Bohrhaken, etwa 200 Normalhaken sowie mehr als 2000 Metern Fixseilen, einen direkten Weg zum Gipfel zu erarbeiten. Dabei hinterließen sie in der berühmtesten Wand der Welt eine 1800 Meter lange Route, in der Haken auch zur Fortbewegung und als Haltepunkt für Trittleitern genutzt wurden. Diese Japaner-Route 2009 zu »befreien«, wie es Roger Schäli und Robert Jasper gelang, war ungemein kühn. Nicht nur wegen der Schwierigkeiten bis zum 10. Grad, sondern auch, weil mit Steinschlag, Kälte, Nässe und brüchigem Fels, aber auch mit der enormen Länge sowie den berüchtigten Wetterstürzen am Eiger gerechnet werden musste. Also ein wirklich nervenaufreibendes alpines Abenteuer, das sich über sechs Jahre hinzog. Für keine Route hatte Schäli im Vorfeld so viel an Arbeit investiert. Vier Tage waren die beiden schließlich bei ihrem finalen Durchstoß in der Wand, mussten sich an kleinsten Leisten und Rissen nach oben bewegen, die Finger eiskalt und nass vom herunterfließenden Schmelzwasser. Am 31. August erreichten sie im letzten Abendlicht das Gipfeleisfeld und waren erleichtert und glücklich!

Echte Teamplayer
Ein Jahr später. Im September 2010 waren Schäli und Jasper wieder in der Nordwand. Nochmals benötigten sie insgesamt vier Tage, um diesmal die John-Harlin-Direttissima frei zu klettern und bis hinauf zum Gipfel zu gelangen. Als erste Neutour nach der Route der Erstbegeher war die Harlin im Februar/März 1966 in der Eiger-Nordwand eröffnet worden, überschattet vom Tod des Amerikaners John Harlin, der damals durch den Riss eines Fixseils tödlich abgestürzt war. Und auch die 1400 Klettermeter lange Ghilini-Piola-Direttissima, eine im Juli 1983 eröffnete Direktroute am höchsten und markantesten Pfeiler der Eiger-Nordwand, meisterten Roger Schäli und Robert Jasper 2013 erstmals im freien Stil – eine wahrlich beeindruckende Trilogie! 2015 schließlich gelang dem eingespielten Team zusammen mit Simon Gietl mit der Odyssee noch eine Neutour und zugleich die bislang schwierigste Route in der Eiger-Nordwand.
Spannende Geschichten berühmter Bergsteiger über ihre Lieblingsberge

Klappentext:
Was macht einen Berg unvergesslich? In Gipfelstürmer erzählen berühmte Alpinisten von ihren Lieblingsbergen – von ikonischen Gipfeln bis zu versteckten Juwelen. Persönliche Erlebnisse, packende Anekdoten und beeindruckende Leistungen machen dieses Buch zu einer Hommage an die Faszination der Berge. Mit O-Tönen, Hintergrundinfos und Tourenfakten – für alle, die selbst aufbrechen oder einfach träumen möchten.
ISBN: 978-3-946862-14-7
Preis: 24,95 Euro
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